Interview im PC-Magazin, 2006

Für die Ausgabe 1/2006 führte das PC-Magazin ein Interview mit uns, das wir hier in der vollständigen Fassung wiedergeben können.

Interview mit Gulli.com – Hackers Best Friend

Der bekannteste Zugang zum deutschen Webuntergrund ist Gulli.com. Eine Topliste führt Sauger zu den bekanntesten Seiten im Warez-Netz, hier tauschen sich Hacker, Cracker und Raubkopierer aus. Aber die Seite eröffnet auch die Pforten zu einer eigenen Netzkultur.

Jeder der sich für die dunkle Seite des Internets interessiert, findet bei Gulli.com einen guten Startpunkt. Die Seite wurde jüngst neu aufgesetzt und präsentiert sich Ihren Nutzern in einer modernen Oberfläche. Nach dem Neustart der Site hat sich PC Magazin mit dem Team hinter Gulli.com über die Seite, den deutschen Untergrund und das Internet unterhalten.

PC Magazin: Erstmal Gratulation zur wirklich gelungenen Neugestaltung Eurer Seite.

LexaT: Danke 🙂

PC Magazin: Wie lange gibt es euch jetzt schon und wie viele Leute arbeiten im Hintergrund an Gulli.com?

Korrupt: Uns gibt es seit 1998. Bei den Mitarbeitern müsste man zwischen Portal und Board trennen.

Gulli: Auf dem Board gibt es ein großes Team von Moderatoren und Admins (alle Anwesenden sind Admins dort), die Toplist hat 2 Administratoren und auf www.gulli.com ist es ein eher kleines Team. Korrupt schreibt dort die News zu P2P, News aus der Szene, usw. und LexaT ich und einige andere kümmern sich um Technik, weitere Inhalte, usw. Also insgesamt sind es ca. 50 Leute, die Arbeit in das Projekt stecken

PC Magazin: Könnt Ihr abschätzen, welchen Umfang Gulli mittlerweile hat?

LexaT: Es sind rund 1500 Seiten auf dem Portal.

Gulli: Auf dem Board sind es derzeit 324.739 Themen mit 2.194.135 Beiträgen von 93.774 Benutzern.

PC Magazin: Das ist ja ein gewaltiger Umfang. Was erwartet einen Besucher auf Gulli.com?

Gulli: Gulli ist die Startseite in die deutschsprachige Undergroundszene. Wer sich zu Themen rund um den Untergrund (d.h. Filesharing, Warez, Hacking und Cracking) informieren will, ist bei uns genau richtig.

Korrupt: Wir bringen aktuelle News aus und für die Szene: zu den relevanten Themen der entsprechend interessierten Leute. Filesharing, die Entwicklungen im Copyrightbereich, Überwachung, Kontrolle, Anonymität im Netz. Zu diesen Themen bieten wir auch Anleitungen, Tutorials und entsprechende Programme an. Und wenn es Aktionen, Kampagnen etc. dazu gibt, machen wir dafür auch Öffentlichkeitsarbeit, bzw. versuchen, Leute für die Themen zu sensibilisieren.

Gulli: Nicht zuletzt unsere verschiedenen Suchmaschinen helfen dem User sich schnell im Untergrund zurechtzufinden. Also wirklich der perfekte Start. Früher sind die Leute zu Astalavista gegangen, heute nutzen sie Gulli.

PC Magazin: Wie viele Besucher verzeichnet Gulli im Schnitt?

Gulli: Mehr als die Seiten von PC-Magazin und dessen Konkurrenz. 🙂

PC Magazin: Konkrete Zahlen sind Betriebsgeheimnis?

Gulli: So kann man das wohl nennen…

PC Magazin: Die Besucher gehören alle der so genannten „Szene“ an?

Korrupt: „Szene“ ist ein sehr schwammiger Begriff

LexaT: Das wage ich eher zu bezweifeln 😉

Gulli: Nein. Wir verstehen uns eher als Sprachrohr der Szene zu den interessierten Computernutzern, also denen, die nicht nur wissen wollen, wie Windows schneller läuft und welches Office das Beste ist, sondern die vom dunklen Teil des Internet fasziniert sind und dort eintauchen möchten.

Korrupt: Wer mal eMule geladen hat, wird sich vermutlich nicht als Teil einer „Szene“ begreifen.

PC Magazin: Was suchen dann die Besucher von Gulli in erster Linie?

Gulli: Ich glaube das lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Gulli ist eben mittlerweile so umfangreich, dass jeder Computerinteressierte dort etwas findet.

LexaT: Stimmt. Viele Leute die Kommunikation auf dem Gulli-Board suchen, sind an den Informationen von www.gulli.com eher weniger interessiert.

Gulli: Aber das Hauptmotiv der meisten nutzer ist natürlich meistens die suche nach Crackz und Warez. Die können wir natürlich nicht direkt anbieten, aber wir berichten über die aktuellen Geschehnisse auf diese Szene und die Leute tauschen sich gerne dazu aus.

PC Magazin: Kann man die Szene, über die ihr berichtet, charakterisieren? Was für Menschen sind da am Werk? Um was geht es Ihnen?

LexaT: Ich denke, die Leute haben es satt, zunehmend gegängelt zu werden, siehe TKÜV und DRM.

Korrupt: Wenn wir über Filesharing berichten, und die jüngsten Entwicklungen zu dem Thema, geht es beispielsweise um eine große Menge von Leuten, die sich früher die Musik, die sie mögen, auf Tapes gezogen haben, und für dasselbe heutzutage kriminalisiert werden.

Wenn wir über Busts in der Releaserszene berichten: Diese Menschen haben natürlich andere Beweggründe, da geht es eher um Sportsgeist und Wettbewerb in einem, nun, etwas spannenderen Hobby. Und die allgemeine Zunahme der Überwachung im Netz geht im Prinzip ja alle an. Dafür sollte sich auch der User interessieren, der auf dem Board fragt, wie man ein CSS-Sheet baut oder auf gulli.com landet, weil es da ein gutes Whois gibt.

Wenn man keine CD auf seinem Rechner mehr abspielen kann, ohne dass Sony das weiß, dann sollte sich der User dagegen wehren können. Stattdessen werden Gesetze erlassen, die ihm exakt das verbieten.

PC Magazin: Eure Seite wirkt sehr politisch. Themen wie Urheberrecht, Zensur, Selbstbestimmung und Überwachung sind sogar eigenen Abteilungen zugeordnet.

LexaT: Die Aufklärung ist uns sehr wichtig …

Korrupt: … und die existiert im Netz ja auch glücklicherweise, aber in die Mainstream-Medien schwappt da extrem wenig rüber. Da sind dann die Totschlagthemen Kinderschänder im Netz und die, nun, gelinde gesagt, fantasievollen Verlustzahlen, die regelmäßig von der Copyright-Industrie in den Raum geworfen werden.

LexaT: Es ist ja auch ein Thema, wo gerade in der letzten Zeit extrem viel Mist beschlossen und per Gesetz verabschiedet wird. Man schaue da auf die Speicherung der Verbindungsdaten seitens der ISP.

Korrupt: Wenn man sich überlegt, wie hoch die Sensibilisierung für Datenschutz noch in den 80ern war, und was heute alles geschieht, ohne dass es Jemanden zu interessieren scheint, dann ist das schon erschreckend.

PC Magazin: Sind die Interessen der Industrie im Verhältnis zu den Bürgerrechten überbewertet?

LexaT: Definitiv

Gulli: In den Mainstream-Medien wird immer sofort mit dem von der Copyright-Industrie propagierten Begriff „Raubkopierer“ um sich geschlagen. Dabei wird unterschlagen, dass es keine „Raub-“ sondern höchstens Schwarzkopien gibt, da hier kein Raub vorliegt und nichts verloren geht, sondern Daten nur vermehrt werden.

Korrupt: Und der Trend ist ja ungebrochen. Wenn Bill Gates ankündigt, er rechne nicht mehr mit der Durchsetzung von Blue-Ray oder HD-DVD, weil bald alles gestreamt wird, dann ergeben sich da noch völlig neue Möglichkeiten.

PC Magazin: Nämlich?

Korrupt: Die völlige Kontrolle der Industrie über die Medien und ihren Gebrauch. Parallel dazu haben wir aber einen immer kreativeren Umgang der Leute mit den Inhalten. Sie generieren selber welche, sie verfremden, verarbeiten, remixen sie. So entstand permanent Kultur, und die wird gerade den Leuten entrissen – ihr Gebrauch und ihre Weiterentwicklung rechtlich immer weiter eingeschränkt. Wenn Seiten down gehen, weil in einem Flashmovie ein Soundschnipsel aus einem Radiohit zu hören ist, dann ist was falsch gelaufen.

PC Magazin: Mit der neuen Regierung steht ja eine Verschärfung der Konfliktsituation durchaus zu befürchten. Wie ist dazu die Stimmung in der Szene?

LexaT: Die Stimmung war auch unter der alten Regierung nicht die Beste. 😉

Korrupt: Es ist ja kein einseitiger Prozess. Natürlich werden immer mehr Leute kriminalisiert, wird immer mehr überwacht. Aber es gibt ja auch ganz andere Möglichkeiten, sich zu schützen, als noch vor 5 Jahren.

PC Magazin: Ihr bietet ja auch jede Menge Informationen zum Anonymisieren im Internet.

LexaT: Das ist auch gut so. Das machen viel zu wenige.

Korrupt: Aber diesen Schutz muss man nun eben selber herstellen, der ist nicht mehr von vornherein da.

LexaT: Vielen wird ja erst durch Seiten wie http://www.gulli.com/tools/anonymitaetscheck/ klar, wie gläsern sie durchs Netz surfen.

Korrupt: Die Sensibilisierung fürs Thema ist noch recht gering, und die „ich habe nichts zu verbergen“ – Fraktion auch bei unserem Publikum bisweilen erstaunlich hoch.

PC Magazin: Auch für zu Vertrauens-Seelige bietet ihr auf Eurer Seite ja Anleitungen, zum Beispiel zum richtigen Verhalten bei einer Hausdurchsuchung.

Gulli: Spannendes Thema. Der Bedarf nach Anleitungen für solche Fälle ist natürlich spätestens dann offensichtlich, wenn wir auf dem Board User haben, die eben gerade ihre Hausdurchsuchung hinter sich haben und gerade vom PC eines Freundes posten, weil der eigene im nächsten Polizeirevier steht.

Korrupt: Und eine gewisse „Unausgewogenheit“ in der Infolage ist da ja durchaus vorhanden. Viele belasten sich dann unnötigerweise selbst.

Gulli: Und natürlich hat Gulli auch schon mehrere Anzeigen und Verfahren hinter sich. Die alle eingestellt wurden, weil die Copyright-Industrie eben häufig ohne Rechtsgrundlage versucht missliebige Inhalte durch den Einsatz von Anwälten zu entfernen. Das Problem ist, dass viele User sofort eingeschüchtert sind, wenn sie ein anwaltliches Schreiben im Briefkasten haben und sofort klein beigeben. Lügen werden aber nicht dadurch wahr, dass sie auf Anwaltsbriefpapier stehen.

PC Magazin: Und dann helft ihr weiter, bzw. auf eurem Board wird den Betroffenen dann geholfen?

Korrupt: Ja, das, und es wird auch wieder ein wenig Verhältnismäßigkeit geschaffen.

Gulli: Ja – wir helfen in solchen Situationen weiter, sagen aber natürlich auch klar, wann ein User wirklich besser zu einem Anwalt gehen sollte.

PC Magazin: Worin besteht eigentlich der Reiz sich ständig mit den großen Firmen der Musik-, Film- und Softwarebranche anzulegen?

Korrupt: Die haben angefangen! :o)

Gulli: Wir sorgen für etwas Gleichgewicht im ansonsten ungleichen Spiel. Wir lassen uns nicht durch (Werbe- oder Polizei-) Anzeigen der Industrie kaufen oder durch sie einen Maulkorb verpassen.

LexaT: Es ist die Genugtuung, etwas bewegen zu können

PC Magazin: Gerade die Industrie wirft Gulli ja vor, Raubkopierern Vorschub zu leisten. Ist das nur deren Paranoia oder fühlt ihr Euch durchschaut?

LexaT: Tut sie das?

PC Magazin: Nun, auf der Beliebtheitsliste dürftet ihr sicher nicht hinter Disneyland kommen.

Korrupt: *g*

LexaT: Außerdem mögen es in den Augen der Industrie Raubkopierer sein. Für uns nutzen sie Ihr Recht auf Privatkopien.

Korrupt: Aber wie gesagt, der Begriff „Korrektiv“ trifft es ganz gut. Um wieder das Beispiel Kopierschutz auf CDs zu bemühen – wenn eine Industrie Produkte auf den Markt wirft, die nur in der ihr genehmem Abspielgeräten unter den von ihr gewährten Bedingungen funktioniert, dann läuft irgend etwas in eine verkehrte Richtung.

PC Magazin: Und da kommt dann die deutschsprachige Warez-Szene ins Spiel.

Gulli: Es gibt eine immer noch sehr lebendige Szene von – meist sehr jungen – Webmastern, die in ihrer Freizeit Warez-Seiten bauen.

Korrupt: …oder Releaser, die sich auf deutschsprachiges Material spezialisieren – Tonspuren etc.

Gulli: Die meisten waren zu der Zeit, als wir im Underground angefangen haben noch nicht in der Lage ihren eigenen Namen zu schreiben und sind erst seit kürzerer Zeit im Netz, aber sie bekommen teilweise wirklich schöne und relativ zuverlässige Seiten hin.

Korrupt: Das Material kommt aus verschiedenen Quellen. Selbstgerippte Sachen, Szenereleases, die in die FxP- und Webwarezszene durchgesickert sind, die Tauschbörsen, der Torrent usw.

PC Magazin: Vorbei an den Sicherungssystemen der Hersteller! Funktionieren die denn kein wenig?

Korrupt: Naja, gerade bei den Szenereleases ist es ja so, dass die direkt von den Herstellern kommen.

PC Magazin: Wie bitte?

Korrupt: Da kommt vieles direkt aus den Studios, der Vorproduktion, den Presswerken. Als „Revenge of the Sith“ released wurde, war ja auch große Aufregung wegen der bösen Camripper in den Kinos. Nur, das erste Release war aber kein Camrip, sondern kam aus der Endproduktion.

Gulli: Das ist ja keine Wunderwissenschaft. Im Plattenlabel arbeiten Menschen mit Freude an der Musik. Neue Releases werden – natürlich weit vor dem VÖ Termin – an die Freunde weitergegeben und schon ist das Material im Kreislauf.

PC Magazin: So wie jetzt das neue Madonna-Album?

Korrupt: Genau.

LexaT: Ohh… gibt es das schon? *g*

Gulli: In der Copyrightindustrie arbeiten ja glücklicherweise immer noch teilweise Menschen, die sich nicht nur mit Geldzählen, sondern auch mit den Inhalten beschäftigen und die ihre Freude daran gerne teilen.

LexaT: Vielleicht behandeln die Hersteller ja ihre Mitarbeiter genauso schlecht wie ihre Kunden, dann wäre es auch kein Wunder.

PC Magazin: Dann nützen ja eigentlich die nachträglichen Sicherungssysteme wie Kopierschutz überhaupt nichts.

Korrupt: Im Rahmen dessen, dass der unbedarfte User keine Sicherungskopie mehr anlegen kann, schon. Nichts ist unknackbar, das ist die Erfahrung bis heute.

Gulli: In den Foren berichten die User doch schon davon, dass sie zwar weiterhin die CD kaufen, da sie das physikalische Medium schätzen, dass sie aber parallel dazu die Kopie für den MP3-Player aus dem Netz ziehen, da sie das wegen diverser Kopierschutz-Trojaner selber nicht mehr hinbekommen. Da fasst man sich doch an den Kopf und fragt sich, was diese Industrie mit ihren Kunden vorhat…

Korrupt: Aber eine Audio-CD mit wirklich schweren Schutzmassnahmen wie z.B. einem Hardwaredongle zu schützen, ist unsinnig. Gerade im Bereich Musik rechne ich da nicht mit wirklich wirksamen Maßnahmen, einfach, weil die CDs ja auch noch auf einem dummen CD-Player laufen müssen.

Gulli: Die Industrie hegt weiterhin den Traum, dass sie sich die Kunden aussuchen kann und sieht nicht die Notwendigkeit sich den Kundenbedürfnissen anzupassen und z.B. auf der Audio-CD eine MP3-Kopie der Songs anzubieten. Das wäre mal wirklich innovativ! Anstatt des nächsten Kopierschutz, der nach wenigen Tagen geknackt ist, für viel Geld zu entwickeln, sollten sie lieber das Geld in neue Künstler investieren.

PC Magazin: Die Industrie beklagt ja immer wahnsinnige Verluste und behauptet Raubkopien würden die wirtschaftliche Existenz bedrohen. Nehmen wir mal für einen Moment an, dies würde stimmen

Korrupt: Jetzt wirds aber sehr hypothetisch :o)

PC Magazin: Bedrohen dann Kopien nicht neue, junge Künstler?

LexaT: Inwieweit denn? Der Industrie scheint ja nur an den Retortenstars gelegen.

Gulli: Das ignorante Verhalten der Industrie, die offensichtlich innovationsunfähig ist, wenn es über einen neuen Kopierschutz hinausgeht, bedroht junge Künstler.

Korrupt: Es gibt ja die Studien, nach denen Filesharer die kauffreudigste Kundengruppe in On- und Offline – Musikshops sind. Gerade die offenen Formate begünstigen die Nicht-Retortenstars. Es gibt Webradios, Podcasts, gerade genug Musikkanäle neben dem Mainstream, weil es MP3s gibt, die problemlos zu vervielfältigen sind, und ich nehme an, dort finden junge innovative Künstler mehr potentielle Käufer.

Gulli: Der Industrie wird es nicht gelingen P2P und Privatkopien auszurotten. Punkt. Erst wenn sich die Industrie damit abfindet und wieder anfängt sich der Realität anzupassen, wird es für die Megakonzerne eine Zukunft geben.

Es wird immer eine Zukunft für junge Bands und Medienfirmen geben. Die Frage ist also nicht die Frage nach der Zukunft der Medienkultur, sondern ob sich die extrem schwerfälligen Großkonzerne dieser neuen Realität anpassen können.

PC Magazin: Jetzt gehen die Medienkonzerne ja nicht gerade zimperlich mit Raubkopierern um. Zeigen Abmahnwellen und Anzeigen in der Szene eigentlich eine Wirkung?

Korrupt: An sich nicht. Man redet drüber, klar.

PC Magazin: … und macht dann weiter wie bisher?

Gulli: Irgendwie schon. Wir schreiben einen Artikel dazu, zwei Szenemitglieder bekommen Angst, steigen aus, zehn neue kommen dazu. Ohne Wirkung ist das nicht, aber die Szene ist bei weitem anpassungsfähiger als der Gegner.

Korrupt: Die Kanäle ändern sich gegebenenfalls. Ich meine mich zu erinnern, dass früher recht häufig noch die Rede davon war, dass jemand aufflog, weil per Postversand was bestellt wurde. Das macht heute meines Wissens nach kaum jemand mehr.

Gulli: Das ist doch gerade offensichtlich. Nur die Tauschbörsen geben auf, hinter denen (verhältnismäßig) große kommerzielle Firmen stecken. Die Filesharing-Systeme, die auf offenen Quellen und dezentralen Netzen basieren, lassen sich nicht abschalten und überleben.

PC Magazin: Warum setzt die Szene sich den Strafverfolgern aus? Worin besteht die Motivation?

Korrupt: Die Motivation… auch wieder unterschiedlich, denke ich. Wie gesagt, bei den Releasern schon Sportsgeist, Wettbewerb, und ich vermute, dass es einen nicht unerheblichen Kick verschafft, wenn man Zugriff auf einige der entsprechenden Server hat.

Bei anderen ist es das schlichte Geben und Nehmen, wie man sich eben im letzten Jahrtausend die LPs gegenseitig auf Tapes gezogen hat.

PC Magazin: Ist das eine besondere Art von Netzkultur?

Korrupt: Ich denke, dass das viele so sehen, ja

PC Magazin: Gesellschaftlich engagiert ihr Euch ja in verschiedenen Projekten Eurer Fight-Back-Kampagnen. Dort richtet ihr euch gegen Rechtebeschränkung, Überwachung und noch einiges mehr.

Korrupt: Da sind wir noch nicht so lange dabei. Das wollten wir eigentlich noch ein wenig ausbauen.

Gulli: Sicherlich ist Gulli politischer als große Teile der restlichen Szene, aber wir denken schon, dass wir da auch Ideen zum Ausdruck bringen, die bei den meisten grundsätzlich vorhanden, aber nicht so explizit ausgedrückt werden. Wir greifen Ängste der Benutzer auf und bringen die Hintergründe.

Korrupt: Viele werden gegen Kopierschutz sein, aber viele interessieren sich für das Thema kaum, weil sie eh wissen, wo sie ungeschützte Medien herbekommen.

LexaT: Themen wie http://www.gulli.com/netzwelt/fight-back/gegen-anti-kinderporno/ werden auch in der „Szene“ kontrovers gesehen. Die wirkt auf den ersten Blick provokant.

PC Magazin: Die ist in der Tat verwirrend.

Korrupt: Da versuchten wir vielleicht auch zuviel Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

PC Magazin: Was wollt ihr mit einer Kamagne gegen Anti-Kinderpornographie-Seiten bezwecken? Ist ein sozialer Einsatz dieser Art nicht eher förderungswürdig?

Korrupt: Wir wollten eine Sensibilisierung dafür, dass Kindsmissbrauch nicht im Internet stattfindet, sondern im echten Leben und dort bekämpft werden muss. Ich halte die Kinder-Porno-Hysterie im Netz für ein Totschlagargument, welches immer dann gebracht wird, wenn man stärkere Überwachung durchsetzen will.

LexaT: Kinderpornographie kann man nicht dadurch bekämpfen, dass man Seiten aus dem Netz nimmt. Das Problem muss präventiv gelöst werden. http://www.kein-taeter-werden.de/ ist ein Beispiel für eine gute Kampagne.

Korrupt: Und ich erinnere mich da an ein Interview mit Andy Mueller-Maguhn, in dem er sinngemäß sagte, selbst ein KiPo-Bild ist eine Information, die uns Aufschluss über den Zustand der Gesellschaft gibt. Wie auch in unserer Kampagnenbeschreibung steht: die Netzdebatte lenkt von den Verhältnismäßigkeiten ab.

(Müller-Maguhn ist Sprecher des Chaos Computer Clubs; Anm. d. Redaktion).

Gulli: Kinderpornos und seit dem 11. September auch Terrorismusbekämpfung sind die Argumente, mit denen die Bürgerrechte im Netz Schritt für Schritt abgebaut werden

PC Magazin: Dann richtet ihr euch also nicht gegen die Kipo-Gegner, sondern gegen die Staatsmacht, die das Thema als Vorwand für mehr Überwachung nutzt?

Korrupt: Missbrauch findet fast immer in der Familie und im Freundeskreis statt und dafür sollte man ein offenes Auge haben.

PC Magazin: Ebenso wie für das rechte Netz?

Korrupt: Ja

PC Magazin: In einer eurer Fight-Back-Kampagnen fordert ihr ja praktisch jeden fähigen Hacker auf, Seiten von Neonazis zu attackieren und ihnen ein „Redesign“ zu verpassen.

Korrupt: Hihi :o)

LexaT: Das gehört zum guten Stil. *g*

Korrupt: Defacen ist in meinen Augen ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit und öffentlichen Raum wie er auch im RL geführt wird.

Gulli: Also ist das Defacement einer Naziseite mit dem Entfernen eines NPD-Plakats vergleichbar…

Korrupt: … so ungefähr, ja. Das wird wieder geklebt, und gut.

PC Magazin: Aber aus dem Netz wollt ihr solche Seiten nicht haben?

Korrupt: Doch, gerne, aber aus anderen Gründen :o)

LexaT: Damit gäbe es auch nicht weniger Nazis.

Korrupt: Wenn niemand mehr ein Interesse daran hat, solche Seiten ins Netz zu stellen, halte ich das für sehr erfreulich.

Solang es diese Leute aber gibt, habe ich etwas dagegen, wenn mir eine zensierende Regierung ein weichgespültes Netz vorgaukeln will, in dem die Realität nach deren Vorgaben geschönt wird.

PC Magazin: Also gegen Rechtsextremismus, aber auch gegen eine Zensur?

Korrupt: Ja, sicher, man muss sich mit den Inhalten ja beschäftigen können, wenn man was gegen sie unternehmen will.

LexaT: Kinder-Porno- oder Nazi-Seiten aus dem Netz zu kicken, ist wie eine Kontroll-Leuchte aus meinem Autocockpit zu entfernen: Der Motor ist danach genauso kaputt wie zuvor. Ich sehe es halt nicht.

Korrupt: Persönlich halte ich eine Webseite wie von Nazi Lauck für vollkommen lächerlich. Ich frag mich, wer dadurch zum Nazi werden soll.

PC Magazin: Ist denn die Gefahr einer Netzzensur gegeben, oder lässt sich so etwas wie das Internet überhaupt nicht regeln?

LexaT: Es wird ja laufend zensiert. Man schaue auf die großen Suchmaschinen, die deutschen Surfern ein erotikfreies Netz präsentieren.

Korrupt: … oder man versuche, in NRW bei Lauck zu lesen, man wird gezwungen, einen Proxy zu verwenden.

PC Magazin: Viele Freunde macht ihr euch auf Seiten der Behörden und bei bestimmten Interessengruppen ja nicht gerade. Ist es den ganzen Ärger denn überhaupt wert?

LexaT: Ja

Korrupt: Ja! Gulli? Dir auch?

Gulli: Sicher – der kickt 🙂

Das Interview für PC Magazin führte Christian Stephan, in einem IRC-Chat.